Haben Sie schon einmal versucht, jemandem im Familien-, Bekannten- oder Kollegenkreis zu erklären, warum wir in Deutschland künftig bis zum Alter von 67 Jahren arbeiten sollen, die Arbeitnehmer in manch anderen europäischen Ländern aber schon mit unter 60 Jahren in Rente gehen?

Ich habe es versucht, aber es gelingt mir nicht!

Zu offensichtlich ist die Erkenntnis, dass die Probleme in den betroffenen Ländern fast ausnahmslos auf eigene Fehler zurückzuführen sind. Vollkommen unangemessene Lohnsteigerungen über viele Jahre hinweg, vor allem im öffentlichen Sektor, jahrelange unsolide Finanzpolitik, hemmungslose Kreditvergabe der Banken – all das führte direkt in die Krise.

Wie soll man begründen, dass solide deutsche Banken und unsere Sparkassen mit ihren Rücklagen für die Einlagensicherung von Banken in anderen Ländern geradestehen, die nachweislich verantwortungslos gewirtschaftet haben?

Und, warum sollen deutsche Sparer letztlich für Misswirtschaft und überzogene Boni von Bankern in anderen Ländern haften?

Wie kann man all das dem deutschen Bürger erklären, der keinerlei Einfluss auf die Entscheidungen derjenigen nationalen Parlamente hat, für die er nun aber haften und zahlen soll?

Wir haben uns gewaltige Risiken ins Boot geholt, haften über die sogenannten Rettungs- und Schutzschirme längst für die Schulden anderer.

Altkanzler Helmut Schmidt brachte es in seiner vielbeachteten Rede auf dem SPD-Parteitag Anfang Dezember 2011auf den Punkt. Natürlich müssen wir aufgrund unserer Geschichte akzeptieren, dass wir zu politischer Umsicht verdammt sind. Das ist gut und richtig.

Und – natürlich profitieren wir auch davon, dass unsere Volkswirtschaft exportorientiert ist.

Dies kann aber nicht gleichbedeutend damit sein, dass wir weiterhin den in manchen Ländern nicht selbst erarbeiteten und aufgeblähten Wohlstand finanzieren müssen.

Ich sehe den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Euro-Systems bedeutet, mit großer Sorge.

Niemand kann von uns Solidarität bis zur Selbstaufgabe fordern.

Ein Deutschland, das in falsch verstandener Solidarität durch die Übernahme unübersehbarer Verpflichtungen anderer am Ende selbst in finanzielle Nöte gerät, wird den Unmut seiner Bürgerinnen und Bürger heraufbeschwören.

Das würde über kurz oder lang dazu führen, dass wir uns noch weiter von der europäischen Idee entfernen, als dies inzwischen schon der Fall ist.

Der Zukunft Europas würde Deutschland damit sicher keinen großen Dienst erweisen.

Deshalb: Solidarität ja – aber nicht um jeden Preis und schon gar nicht als Einbahnstraße!

Denn die viel beschworene europäische Solidarität, meint auch die Solidarität der anderen Europäer mit uns in Deutschland.

 

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