Liebe Leserinnen und Leser,

der Terror (manche nennen es auch Krieg), vor dem so viele Menschen zu uns nach Deutschland fliehen, ist in Europa angekommen.

Mit den Anschlägen von Paris sendet uns der sogenannte „Islamische Staat“ eine neue, grausame Botschaft: Jeder Mensch, der in einer freien Gesellschaft lebt, ist das Ziel islamischer Terroristen und es kann jeden von uns treffen – jederzeit – an jedem Ort – mitten in Europa.

Inzwischen geht es den Tätern nicht mehr um konkrete Ziele ihres Terrors – Journalisten wie bei Charlie Hebdo oder Juden. Inzwischen geht es um die totale Verunsicherung unserer freien, westlichen Gesellschaft – es ist unsere Lebensweise, die den Zorn der selbsternannten Gotteskrieger schürt. Jeder einzelne von uns soll in Angst und Schrecken versetzt werden.

Schmerz, Trauer, Furcht und ohnmächtige Wut – all diese Gefühle teilen wir mit den Menschen in Paris – und doch können wir nur erahnen, wie sich die Franzosen zurzeit fühlen.

Angesichts der Terrorserie, die sein Land in den letzten Jahren heimgesucht hat, traf Präsident Hollande die Stimmungslage wohl am ehesten, als er von einem Kriegsakt einer Armee von Terroristen sprach und davon, dass die Nation den Fehdehandschuh aufnehmen wird und sich im Krieg befindet.

Den schockierten Franzosen und ihrem erschütterten Präsidenten muss man die Kriegsrhetorik wohl zugestehen – doch wir anderen Europäer sollten vorsichtig sein – bei der Wahl der Waffen, wie bei der Wahl der Worte.

Der Begriff Krieg trifft auf Syrien zu und auf den Irak, für Westeuropa ist er verfehlt. Hier gibt es keinen Krieg, sondern im religiösen Wahn exportierte Gräueltaten von Kommandos mit automatischen Waffen und Sprengstoffgürteln.

Wer trotzdem von Krieg spricht, spielt dem sogenannten islamischen Staat in die Hände. Der IS will eine Situation herbeiführen, die schwarz-weiß ist. Er will als Repräsentant des Islams gesehen werden, der gegen den Westen kämpft. Er zielt auf eine Zuspitzung des Konflikts in der Hoffnung, dass ihm die Grausamkeit des Kriegs neue Unterstützer bringt und die Gräben zwischen den Kulturen und Religionen noch tiefer werden.

Aber Kriege und militärische Lösungen haben schon in der Vergangenheit die Welt nicht friedlicher gemacht und konnten auch den Sumpf der Barbarei, der sich in den IS-Gebieten ausbreitet, bisher nicht trocken legen. Besonnenheit ist deshalb das Gebot der Stunde! Jedes freie Leben ist stärker als der Terror – jede selbstauferlegte Einschränkung unserer Freiheit aus Angst vor dem Terror ist ein Erfolg für die Angreifer, ebenso wie die Aufgabe unserer Friedfertigkeit.

Wenn wir Demokraten unsere Freiheit bewahren wollen, dann müssen wir damit rechnen, dass es noch mehr Opfer geben wird. Auch wir Deutsche, die kurdische Kämpfer gegen den IS ausbilden, sind in Gefahr. Gegen Selbstmordattentäter gibt es keinen Schutz. Da können wir Geheimdienste und Polizei noch so sehr aufrüsten, zivile Ziele werden immer angreifbar bleiben. Das ist traurig und mit unendlichem Leid und Unverständnis verbunden. Aber es ist tröstlich, zu wissen, dass es keine radikale politische Organisation und kein Einzeltäter je geschafft haben, mit solchen Aktionen ihre politischen Ziele zu erreichen.

Die richtige Antwort auf Gräueltaten der sogenannten Gotteskrieger ist, die Gefahr zu kennen und doch weiter so zu leben wie bisher. Demokratisch, liberal, menschenfreundlich und friedfertig.

Ich bin sehr zuversichtlich, dass der auch von Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier mitangestoßene Verhandlungsprozess der erste wichtige Schritt für einen Frieden in Syrien und dem Nordirak ist. Gespräche und Verhandlungen sind wirksamer als der Krieg gegen den Terror, den US-Präsident Bush nach 9/11 ausrief. Dieser Krieg hat, es ist eine Ironie der Geschichte, trotz vordergründiger militärischer Erfolge im Ergebnis zu jenen gescheiterten Staaten geführt, die die Basis für den Aufstieg des IS legten. Ein Grund mehr zur Zurückhaltung bei Gebrauch und Anwendung von Kriegsrhetorik!

Klaus Lennartz, Hürth

Landrat a. D.
Mitglied des Kreistages Rhein-Erft-Kreis.
Mitglied des Deutschen Bundestages v. 1980 bis 2002

 

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